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Von der IT-Beratung zur Unternehmensberatung

Veröffentlichung in der FAZ Consulting Beilage vom 7.9.2011

Mehr Business, weniger IT

Die Kunst, das Business zu verstehen und vom Kunden verstanden zu werden, ist der Schlüssel für eine ganzheitliche Beratung.

Lösung ist ein beliebter Begriff in der IT-Welt. Es gibt kaum einen Anbieter, der seine Produkte nicht als erfolgversprechendes Mittel zur Beseitigung eines Kundenproblems anpreist. Tatsächlich wird mit dem Schlagwort aber oft eine bestimmte Technologie verkauft, ohne die genaue Situation und den wahren Bedarf eines Unternehmens zu kennen.

Das vergangene Jahrzehnt ist durch den Auf- und Ausbau von unternehmensweiten IT-Systemen geprägt. Mit ERP-Software (ERP = Enterprise Resource Planning) wurden von der Auftragsabwicklung über die Produktionssteuerung bis zur Buchhaltung alle Unternehmensbereiche vernetzt und die Arbeitsplätze computerisiert. Dieses Vorhaben war eine große technologische Herausforderung, denn die Arbeitsabläufe mussten von Grund auf digitalisiert werden.

Standardprogramme von SAP oder anderen Anbietern waren eine große Hilfe, denn sie legten die erforderlichen Geschäftsprozesse durch entsprechende Softwarefunktionen fest. Eine aufwändige Umsetzung durch individuelle Programmierung war überflüssig. Es entstanden standardisierte Systeme, mit denen Unternehmen allerdings nicht selten ihre Arbeitsabläufe in die vorgegebene Passform zwängen mussten. Das konnte in Extremfällen zu Wettbewerbsnachteilen führen, weil unternehmensindividuelle Vorzüge, etwa Besonderheiten in der Auftragsabwicklung, durch den Standardablauf wegfielen.

Heute ist der IT-Aufbau in den meisten Unternehmen abgeschlossen. Bei den ERP-Systemen wurde mittlerweile die Sättigungsphase erreicht. In der Wirtschaftskrise haben viele Unternehmen diese Situation genutzt und ihre IT-Investitionen kräftig gekürzt. Der radikale konjunkturelle Schwenk von der Krise in eine Boomphase hat die Lage grundlegend verändert. Mit den positiven Geschäftsaussichten erkennen immer mehr Unternehmen die neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie. Dabei spielen Punkte wie die zunehmende Integrationsfähigkeit der Systeme, neue Nutzungsmöglichkeiten wie mit dem aktuellen Trendthema Cloud Computing, aber auch die weiter verstärkte Internetnutzung und das wachsende Social Computing eine treibende Rolle.

Damit hat sich die Sichtweise auf IT-Vorhaben geändert. Nicht mehr der technologische Blick ist gefragt, jetzt kommt es vorrangig darauf an, die neuen Möglichkeiten in wirtschaftliche Vorteile umzusetzen. Das Ablegen der IT-Brille betrifft besonders die IT-Berater. Allein technisches Know-how reicht nicht mehr aus: Zum IT-Fachwissen muss das Gespür für das Business des Kunden kommen. Der Blickwechsel kann zur Lösung eines Problems beitragen, das in der Vergangenheit oft Ärger bereitete. Viele IT-Projekte - das zeigen die Erfahrungen - konnten nicht erfolgreich umgesetzt werden. Sie scheiterten meist nicht an der Technologie, sondern an menschlich-organisatorischen Hürden. Oft mangelte es an Akzeptanz. Etwa weil sich Fachabteilungen querlegen, weil sie sich in ein Projekt nicht ausreichend eingebunden fühlen.

Projekte müssen aus Sicht des Business und nicht aus Sicht der IT angegangen werden. Welchen Mehrwert haben IT-Vorhaben für den Geschäftserfolg (wie Steigerung von Umsatz, Kundendurchdringung, Kundenzufriedenheit etc.)? Die IT-Brille alleine reicht heute nicht mehr. Denn eine IT-Funktion muss nicht nur technisch einwandfrei funktionieren, sondern auch von den Nutzern angenommen werden und damit zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Mit diesem Thema befasst sich das Change Management, das Änderungen in der Organisation begleitet. Auch die strategische Beratung bei der Einführung von IT-Vorhaben geht über eine enge technologieorientierte IT-Beratung hinaus.

Das zeigt sich auch am Cloud Computing. Die Kernfrage „Welche Geschäftsprozesse bleiben im Unternehmen, welche lagere ich aus?“ lässt sich IT-technisch allein nicht beantworten. Hier kommt es auf eine exakte Analyse der Chancen und Risiken sowie den Einfluss einer Auslagerung auf die Geschäftstätigkeit an. So ist z.B. die Speicherung von Geschäftsdaten in einem externen Rechenzentrum wirtschaftlich weniger gravierend als der Umstieg auf ein Customer-Relationship-Management-Programm oder ein ERP-System, das komplett ausgelagert wird. Vor allem die Nutzung kombinierter Cloud-Services mit der Mischung von eigenen und fremden IT-Leistungen ist ein zukunftsträchtiges Gebiet für die IT-Beratung.

Als Merkposten für die Unternehmens- und IT-Beratung hat die Wirtschaftskrise die Risikoanalyse hinterlassen. Hiermit werden Chancen und Risiken bei IT-Projekten auf den Unternehmenserfolg erfasst. Früher waren Technologierisiken häufiger, heute sind es oft Punkte wie unklare Vorstellungen des Auftraggebers, schlechtes Projektmanagement oder Mängel in der Projektunterstützung durch die Mitarbeiter. Auch das Ignorieren von zwingend erforderlichen IT-Vorhaben kann große Risiken entstehen lassen. Das gilt vor allem für IT-Projekte, die sich nicht an der Ausrichtung und der Strategie des Gesamtunternehmens orientieren.

Können Informatiker bei der Beratung mit solchen Themen umgehen? Klar ist, dass Programmier- und Customizing-Tätigkeiten an Bedeutung verlieren. Der Trend geht zu Know-how im Projekt- und Change Management, Kenntnis des Geschäftsprozessmanagements, insgesamt zu mehr Management-, BWL- und psychologischem Wissen. Die eingangs erwähnte Lösung wird damit mehr als technologischen Nutzen bieten müssen.

Von Dirk Osterkamp, Geschäftsführer Lynx-Consulting, Bielefeld